Der Phantomschmerz

Vor ein paar Jahrzehnten hörten sich
Strassenbahnen noch wie Strassenbahnen an
ein Aufzug klang wie ein Aufzug und die Uhren
gaben ein Ticken von sich sagt Mel (einer der
Tontechniker die hinter der Theaterbühne
für die mechanisch und elektronisch erzeugte
Geräuschkulisse zu sorgen haben) Heute
muss er auf Tonkonserven aus dem Archiv
zurückgreifen da niemand das undefinierbare
fast lautlose Summen der elektronisch
gesteuerten Systeme auseinanderhalten könnte
Rattern Quietschen Dröhnen Sirren – Noch sind
die Geräusche im Ohr gespeichert sagt Mel
Die Menschen wollen sich erinnern sie wollen
das Nichtmehrvorhandene deutlich hören
Es ist wie beim Phantomschmerz sagt er und
pfeift leicht durch die Vorderzähne

© Brigitte Fuchs

Kleine Kirmesballade

Ich fand in meiner Manteltasche
ein klitzekleines Weib.
Das sprach: Ich bin für dich zum Naschen
sowie zum Zeitvertreib.

Aus Zucker, Eiern, Marzipan
und süßesten Rosinen
lag sie vor mir und sah mich an.
Sprach: Du darfst dich bedienen.

Sie heiße übrigens Susann
geknetet voller Liebe.
Der Hinweis sprach mich seltsam an.
Wo sie denn heut Nacht bliebe?

Ich hob sie hoch und roch an ihr
und brach sie längs entzwei.
Ich knabberte am Drum und Dran,
sie kicherte dabei.

Da schlug die Uhr, es machte plopp!
Ich biss verliebt ins Kissen
und wachte auf mit dickem Kopp.
Das Weib werd ich vermissen.

© Andreas Graf