Der Phantomschmerz

Vor ein paar Jahrzehnten hörten sich
Strassenbahnen noch wie Strassenbahnen an
ein Aufzug klang wie ein Aufzug und die Uhren
gaben ein Ticken von sich sagt Mel (einer der
Tontechniker die hinter der Theaterbühne
für die mechanisch und elektronisch erzeugte
Geräuschkulisse zu sorgen haben) Heute
muss er auf Tonkonserven aus dem Archiv
zurückgreifen da niemand das undefinierbare
fast lautlose Summen der elektronisch
gesteuerten Systeme auseinanderhalten könnte
Rattern Quietschen Dröhnen Sirren – Noch sind
die Geräusche im Ohr gespeichert sagt Mel
Die Menschen wollen sich erinnern sie wollen
das Nichtmehrvorhandene deutlich hören
Es ist wie beim Phantomschmerz sagt er und
pfeift leicht durch die Vorderzähne

© Brigitte Fuchs

Freund

für E. U. †

Der war doch ein Kieler Kerl klarkantig kopfgrößer
Rosendolchgesicht hühnenhafter Händedruck hart
Der war doch Übervatersohn lebenslang jedes Mal
Umfassten seine Umarmungen mehr als mein ganzes Selbst
Der konnte mich Blauäugigen erdrücken mit Wahrheiten
Naturerklärer Cellostreicher Tubabläser Tagträumer
Wanderer im Holsteinischen, Landschaftsbetrachter
Am Ostseerand wasserscheu
Winters Kaminfeuerentfacher
Stiller werdend dann sich schon
Entfernend mit fernem Blick ins Feuer hinein Querdenker
Querlieger Träumer anderer Welten Nachdenker

Dem es eines Tages die Sprache verschlug
Dem die Wörter verdunsteten
Dann fallsüchtig von keiner
Schwerkraft aufgefangen
Später kleiner werdend sprachlos wortlos
Mir abhandenkommend vor der Welt
Sich versteckend bei klarem Verstand
Über Bord werfend
Das Seine loslassend alles
Zuletzt verschwunden dann
Nicht mehr
Da

© Ulrich Schäfer-Newiger