Winter

die Haare hatten begonnen
in weißen Büscheln aufzustehen
nur sie schienen sich noch
einmal zeigen zu wollen

auf den knotigen Gelenken
hörte man die lilafarbenen
Flecken nicht mehr atmen bevor
sie weggetragen wurde war sie

schon viele Male verschwunden
ihr Leben rutschte durch die
Gitterstäbe ging mit dem Kopf
voraus durch die Wand fort und

unter der letzten Decke
ward ihr nicht mehr warm

© Maria Elisabeth Birkle

johanna

»tödlich ist’s, der jungfrau zu begegnen«
die jungfrau von orleans, schiller

du sitzt allein die kalte wand im rücken
in enger schrift auf dem stein die traktate
aus der stadt klingen die glocken herüber
niemand weiß künden sie jubel oder gefahr
dann fürchtest du die barrikaden aschschwarzes wasser
rinnt über das pflaster dir zwischen die zehen
reib die worte von der wand die schmerzen wie krieg

der fluss trägt das morgenlicht aus der stadt feuerspiegel
früh erschreckt brachen die herden auf von ihrem lager
am ufer rotten sich die verlassenen hunde zusammen

du stehst in diesem kahlen wald es ist bereits winter
dieses schweigen dieser unerbittliche schnee
darunter das gras darunter die abrupt endenden spuren
mit blutroten händen schreibst du krieg krieg immer wieder
da hat die stimme längst versagt die hunde heulen
jagen ihre mondschatten als die barrikaden brannten
war es warm für einen letzten augenblick

© Klaus Bölling

Schlafes kind

Vor dem schlaf verheißt sich, was wahr ist, ein einziges mal
Als wollte es dem gesprochenen einhalt gebieten
Jeder ort ist ein fremder ort, und die bilder folgen mir
Wie einem entlaufenen hund, dessen schnauze grau wird
Ich bin geboren in hast, kenne nur das sterben der andern
Und weiß doch um das land meines flusses
Mit dem ich um die wette lief, bis er sich unter der strasse verlor
Autos rauschten vorbei, und einmal stieg ein segelflieger über die dächer
Im sommer nahm sich keine note, kein elterlicher streit den trost
Und das staunen, das größer war als ein erhofftes, enttäuschtes leben
Schlafe mein fluss, ruhe in der zeit, trage
Den duft der pfirsichbäume, den das kind vom schulweg mitbrachte
Weil es wahr sein wollte, weil die dinge ja zu ihm sagten
Sie riefen, komm her zu mir geh aus von mir
Daß du mich nicht vergißt und ich dich
Längst vergangen, noch bewahre

© Martin Bührig

Wie besänftigt

Wie besänftigt breitet sich die Landschaft aus
vollgesogen von Sommer und Geduld
sieh wie der Wind im Sand spielt
Smaragde im Moos zu tanzen beginnen
und der Horizont Farben in die Gesichter malt

Der Tag ist lang genug
um der Liebsten eine Muschel zu stehlen
oder ihren Melonenhut in den Wind zu hängen
und darauf zu warten dass das Meer
eine schäumende Woge um unsere Jugend legt

Während wir dem Lärm der Wolken lauschen
und die Trauerweide vor Zärtlichkeit überfließt
ist uns als könnten wir die Häuser schlafen hören
während ich mit der einen Faust eine Feder
und mit der anderen eine Träne umhülle

Jetzt ist uns als könnten wir
dem Lärm der Wolken lauschen
voller Zärtlichkeit dem Vergessen huldigen
und dabei zusehen
wie das Meer eine schäumende Woge
um unsere Jugend legt
Erinnerungen beflügeln den trägen Morgen
Während die Trauerweide vor Zärtlichkeit überfließt

© Joke Frerichs

Mini-(G)lück

Schick dich!
Türen Klicken.
Aus den gepflückten Sonnenstrahlen
verzückt ein paar
Minuten zusammengeflickt:
Du zwickst mich
im Nacken. Ficken
kannst du dir knicken trotz
flackernder Augen versickert
das Feuer nicht mit dem Ticken
der Uhr in knackiger
Nacht.
Schick dich!
Die Türe klickt.
Dann nur noch Blicke

Lücke

© Ulrike Friedmann