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das Licht ist trotzdem zu milde
die Räume zu flimmernd
die Orgel ist ein Gitterwald
ohne ihn
den Solopianisten mit der einen blutenden Lippe

auf die Länge
hältst du an dir fest
die Ausgangsposition der Knochen
insgesamt zwei hundert und sechs
musst du auf die Reihe bekommen

wenn du die Lippen gegen den Spiegel drückst
starren sie dir ins Gesicht

wie leuchtende Knie
mit Spuren nach Kindheit
ragen sie aus dem Finstern hervor

© Eva Botofte

Nächtliche Emanzipierung
vor dem Spiegel

Schmerzenstümpel,
trübes Blau,
großer Gesten
schwacher Bau,
abgeschminkt,
alleine auch:
Das Gesicht
beginnt im Bauch.

Hässlichkeit
verträufelt Rührung,
Einsamkeit
bedarf der Führung.
Schmerzenstümpel,
trübes Blau,
bin ich, bin ich,
bin ich Frau.

© Bettina Hirschberg

Das Gesicht

Ist das mein Gegenüber?
Ein seltsames Gesicht!
Das Tageslicht wird trüber,
so recht seh ich es nicht.

Ein leises Lächeln streift
die Züge, die erwachen,
sobald ein Schmunzeln reift;
doch wird es nicht zum Lachen.

Verschmitzt der Blick am Ende,
er schwimmt im Ungefähr,
und ginge durch die Wände,
wenn da kein Spiegel wär.

© Christoph-Maria Liegener