Rapunzels Reise
von Argos nach Lindau

Leuchtende Stadt, in welcher Glanz und Prunk sich befehden!
Ich bin durch deinen Hauch Ausfluss und Abbild zugleich –
Ausfluss des göttlichen Goldes und Abbild der menschlichen Bronze.
Du, der Quell aller Kunst, treibst mich zum steinernen Turm.

Trotz meines innigsten Wunsches, mein eigenes Gold zu betrachten,
Welches als blondes Haar himmlische Weiten umspannt,
Bin ich zu steifem Schreiten auf steiniger Straße verurteilt.
Nur durch Perseus’ Schild ist mir ein ahnender Blick.

Dicht auf der Ferse ist mir Medusas schmeichelnde Schlange,
Deren süßes Gift ewigen Frühling verspricht.
Müde des stechenden Reizes und dennoch kindlich beeindruckt,
Warte ich voller Scham auf den lebendigen Stein.

Wird die verstehende Nachtigall mich schützend empfangen –
Aus dem Fenster des Turms lieblich besingen mein Gold?
Oder gerate ich in die Fänge der eigenen Haare,
Wenn mein menschlicher Blick Vorne und Hinten vergisst?

© Martin Kopp

Vor dem Sündenfalle –
Adam und Eva

(Kupferstich von Albrecht Dürer, 1504)

I.
Sprechend ihrer beider Geste.
Gib mir den Apfel!
Nimm!

II.
Am Baum der Erkenntnis
stehen sie beide,
doch Eva hebt zuerst die Hand,
greift zögernd – noch
will Adam ihr wehren,
die Hand geöffnet,
schon ausgestreckt,
erkennt er die Gefahr.
Die Schlange aber,
sie lächelt. –

III.
Jeder aber blickt
woanders hin.
Jeder ist beide.
Beteiligt nur scheinbar
unbeteiligt.

IV.
Am Baum des Lebens
wächst die Erkenntnis.
Geben und Nehmen
kommt vor dem Sündenfall.
Nichts aber gilt
für die Ewigkeit.

© Michael Kurzer

Das alte Lied

Adams Rippe hieß Eva.
Adam führte Eva ins Paradies.

Eva war redselig.

Eva traf die Schlange.
Sie quatschten lange.

Die Schlange bequatschte Eva.
Eva bequatschte Adam.

Am Ende aßen sie.
Sie aßen die Erkenntnis
und fühlten sich nackt.

Adams Rippe hieß Eva.
Eva verführte Adam.
Und er spielte mit!

© Claudia Nottebohm