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das Licht ist trotzdem zu milde
die Räume zu flimmernd
die Orgel ist ein Gitterwald
ohne ihn
den Solopianisten mit der einen blutenden Lippe

auf die Länge
hältst du an dir fest
die Ausgangsposition der Knochen
insgesamt zwei hundert und sechs
musst du auf die Reihe bekommen

wenn du die Lippen gegen den Spiegel drückst
starren sie dir ins Gesicht

wie leuchtende Knie
mit Spuren nach Kindheit
ragen sie aus dem Finstern hervor

© Eva Botofte

Schlafes kind

Vor dem schlaf verheißt sich, was wahr ist, ein einziges mal
Als wollte es dem gesprochenen einhalt gebieten
Jeder ort ist ein fremder ort, und die bilder folgen mir
Wie einem entlaufenen hund, dessen schnauze grau wird
Ich bin geboren in hast, kenne nur das sterben der andern
Und weiß doch um das land meines flusses
Mit dem ich um die wette lief, bis er sich unter der strasse verlor
Autos rauschten vorbei, und einmal stieg ein segelflieger über die dächer
Im sommer nahm sich keine note, kein elterlicher streit den trost
Und das staunen, das größer war als ein erhofftes, enttäuschtes leben
Schlafe mein fluss, ruhe in der zeit, trage
Den duft der pfirsichbäume, den das kind vom schulweg mitbrachte
Weil es wahr sein wollte, weil die dinge ja zu ihm sagten
Sie riefen, komm her zu mir geh aus von mir
Daß du mich nicht vergißt und ich dich
Längst vergangen, noch bewahre

© Martin Bührig

Ohne Pfand

Das Spiel heißt
Bäumchen wechsle dich
mit verbundenen Augen
endet die Welt an der Netzhaut
bricht das Gleißen überzeichnet
grell den Innenraum das Kind
auf dem Fahrrad ein schlingernder
Schatten Mutters schwerer Haarknoten
gelöst des Vaters Antlitz mit Trauerflor
von Anbeginn ein blasser Schemen
die Frau ist längst nicht mehr
zu greifen auf dem Weg
von der Hand in den Mund
geht das Essen verloren der Sohn
trifft ein irgendwann spricht die Uhr
unverständlich jeder Schritt nach außen
endet in einem anderen Zimmer
verrückte Wände fremde Stimmen
und niemand nimmt das Tuch ab

© Christiane Schulz

gehe ich in mich

gehe ich in mich,
ist es ein wenig zum fürchten
wie damals auf der kellertreppe
als kind.

alles steht und liegt
abschiedsbereit
im spärlichen licht
verdrahteter lampen.

modrige gewölbe
und stille,
vergessene erinnerung,
erinnertes vergessen.

an gekalkter wand
hängen schwermut
und schmerzen
wie spinnengeweb.
anlehnung sucht verrostet
mein kinderfahrrad,
das alte möbel struktur.

halt finden meine füße
auf den gepflasterten steinen.
eingeschrieben ins dunkel
verharren glaube und zukunft,
der männer ganzer liebestrost.

© Michael Starcke