Ein Wunsch

Was sie sich wünscht – manchmal
im Museum für Alte Kunst
im Museum für Neue Kunst –

einen Raum mit leeren Wänden
und bequemen Sitzen

um Gesehenes zu wiederholen
wieder zu holen

Und

um manchmal mit bloßem Finger
ein Nachbild
ein Gegenbild
ein eigenes Bild
zu entwerfen.

© Wolf-Dieter Grengel

Die Freundin

für Daniil Charms

Freundin, in der Vorstadtkneipe
Hast du mich des Nachts betört
Hast du meine coole Masche
Aufs Empfindlichste gestört

Deine Hände hinterlassen
Spuren, die man nie vergisst
Und die Sehnsucht deiner Lippen
Hast du mir ins Ohr geküsst

Hin zieh’n über dir die Jahre
Und der Hals wirkt ausgezehrt
Deine Falten werden tiefer
Doch dein Gang bleibt unbeschwert

Und die Götter grinsen hämisch
über uns’re Menschelei
Denn wir saufen Abschaumwasser
Und du sagst: jetzt ist’s vorbei

Freundin, aus der Vorstadtkneipe
Hast du mich des Nachts gehetzt
Hast du meine Eigenliebe
Aufs Empfindlichste verletzt

© Bernhard Rusch

Freund

für E. U. †

Der war doch ein Kieler Kerl klarkantig kopfgrößer
Rosendolchgesicht hühnenhafter Händedruck hart
Der war doch Übervatersohn lebenslang jedes Mal
Umfassten seine Umarmungen mehr als mein ganzes Selbst
Der konnte mich Blauäugigen erdrücken mit Wahrheiten
Naturerklärer Cellostreicher Tubabläser Tagträumer
Wanderer im Holsteinischen, Landschaftsbetrachter
Am Ostseerand wasserscheu
Winters Kaminfeuerentfacher
Stiller werdend dann sich schon
Entfernend mit fernem Blick ins Feuer hinein Querdenker
Querlieger Träumer anderer Welten Nachdenker

Dem es eines Tages die Sprache verschlug
Dem die Wörter verdunsteten
Dann fallsüchtig von keiner
Schwerkraft aufgefangen
Später kleiner werdend sprachlos wortlos
Mir abhandenkommend vor der Welt
Sich versteckend bei klarem Verstand
Über Bord werfend
Das Seine loslassend alles
Zuletzt verschwunden dann
Nicht mehr
Da

© Ulrich Schäfer-Newiger

Ohne Pfand

Das Spiel heißt
Bäumchen wechsle dich
mit verbundenen Augen
endet die Welt an der Netzhaut
bricht das Gleißen überzeichnet
grell den Innenraum das Kind
auf dem Fahrrad ein schlingernder
Schatten Mutters schwerer Haarknoten
gelöst des Vaters Antlitz mit Trauerflor
von Anbeginn ein blasser Schemen
die Frau ist längst nicht mehr
zu greifen auf dem Weg
von der Hand in den Mund
geht das Essen verloren der Sohn
trifft ein irgendwann spricht die Uhr
unverständlich jeder Schritt nach außen
endet in einem anderen Zimmer
verrückte Wände fremde Stimmen
und niemand nimmt das Tuch ab

© Christiane Schulz

gehe ich in mich

gehe ich in mich,
ist es ein wenig zum fürchten
wie damals auf der kellertreppe
als kind.

alles steht und liegt
abschiedsbereit
im spärlichen licht
verdrahteter lampen.

modrige gewölbe
und stille,
vergessene erinnerung,
erinnertes vergessen.

an gekalkter wand
hängen schwermut
und schmerzen
wie spinnengeweb.
anlehnung sucht verrostet
mein kinderfahrrad,
das alte möbel struktur.

halt finden meine füße
auf den gepflasterten steinen.
eingeschrieben ins dunkel
verharren glaube und zukunft,
der männer ganzer liebestrost.

© Michael Starcke