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das Licht ist trotzdem zu milde
die Räume zu flimmernd
die Orgel ist ein Gitterwald
ohne ihn
den Solopianisten mit der einen blutenden Lippe

auf die Länge
hältst du an dir fest
die Ausgangsposition der Knochen
insgesamt zwei hundert und sechs
musst du auf die Reihe bekommen

wenn du die Lippen gegen den Spiegel drückst
starren sie dir ins Gesicht

wie leuchtende Knie
mit Spuren nach Kindheit
ragen sie aus dem Finstern hervor

© Eva Botofte

Schlafes kind

Vor dem schlaf verheißt sich, was wahr ist, ein einziges mal
Als wollte es dem gesprochenen einhalt gebieten
Jeder ort ist ein fremder ort, und die bilder folgen mir
Wie einem entlaufenen hund, dessen schnauze grau wird
Ich bin geboren in hast, kenne nur das sterben der andern
Und weiß doch um das land meines flusses
Mit dem ich um die wette lief, bis er sich unter der strasse verlor
Autos rauschten vorbei, und einmal stieg ein segelflieger über die dächer
Im sommer nahm sich keine note, kein elterlicher streit den trost
Und das staunen, das größer war als ein erhofftes, enttäuschtes leben
Schlafe mein fluss, ruhe in der zeit, trage
Den duft der pfirsichbäume, den das kind vom schulweg mitbrachte
Weil es wahr sein wollte, weil die dinge ja zu ihm sagten
Sie riefen, komm her zu mir geh aus von mir
Daß du mich nicht vergißt und ich dich
Längst vergangen, noch bewahre

© Martin Bührig

Wie besänftigt

Wie besänftigt breitet sich die Landschaft aus
vollgesogen von Sommer und Geduld
sieh wie der Wind im Sand spielt
Smaragde im Moos zu tanzen beginnen
und der Horizont Farben in die Gesichter malt

Der Tag ist lang genug
um der Liebsten eine Muschel zu stehlen
oder ihren Melonenhut in den Wind zu hängen
und darauf zu warten dass das Meer
eine schäumende Woge um unsere Jugend legt

Während wir dem Lärm der Wolken lauschen
und die Trauerweide vor Zärtlichkeit überfließt
ist uns als könnten wir die Häuser schlafen hören
während ich mit der einen Faust eine Feder
und mit der anderen eine Träne umhülle

Jetzt ist uns als könnten wir
dem Lärm der Wolken lauschen
voller Zärtlichkeit dem Vergessen huldigen
und dabei zusehen
wie das Meer eine schäumende Woge
um unsere Jugend legt
Erinnerungen beflügeln den trägen Morgen
Während die Trauerweide vor Zärtlichkeit überfließt

© Joke Frerichs

Der Phantomschmerz

Vor ein paar Jahrzehnten hörten sich
Strassenbahnen noch wie Strassenbahnen an
ein Aufzug klang wie ein Aufzug und die Uhren
gaben ein Ticken von sich sagt Mel (einer der
Tontechniker die hinter der Theaterbühne
für die mechanisch und elektronisch erzeugte
Geräuschkulisse zu sorgen haben) Heute
muss er auf Tonkonserven aus dem Archiv
zurückgreifen da niemand das undefinierbare
fast lautlose Summen der elektronisch
gesteuerten Systeme auseinanderhalten könnte
Rattern Quietschen Dröhnen Sirren – Noch sind
die Geräusche im Ohr gespeichert sagt Mel
Die Menschen wollen sich erinnern sie wollen
das Nichtmehrvorhandene deutlich hören
Es ist wie beim Phantomschmerz sagt er und
pfeift leicht durch die Vorderzähne

© Brigitte Fuchs