Rapunzels Reise
von Argos nach Lindau

Leuchtende Stadt, in welcher Glanz und Prunk sich befehden!
Ich bin durch deinen Hauch Ausfluss und Abbild zugleich –
Ausfluss des göttlichen Goldes und Abbild der menschlichen Bronze.
Du, der Quell aller Kunst, treibst mich zum steinernen Turm.

Trotz meines innigsten Wunsches, mein eigenes Gold zu betrachten,
Welches als blondes Haar himmlische Weiten umspannt,
Bin ich zu steifem Schreiten auf steiniger Straße verurteilt.
Nur durch Perseus’ Schild ist mir ein ahnender Blick.

Dicht auf der Ferse ist mir Medusas schmeichelnde Schlange,
Deren süßes Gift ewigen Frühling verspricht.
Müde des stechenden Reizes und dennoch kindlich beeindruckt,
Warte ich voller Scham auf den lebendigen Stein.

Wird die verstehende Nachtigall mich schützend empfangen –
Aus dem Fenster des Turms lieblich besingen mein Gold?
Oder gerate ich in die Fänge der eigenen Haare,
Wenn mein menschlicher Blick Vorne und Hinten vergisst?

© Martin Kopp

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