Lina nera

Als ich in San Giuseppe Vesuviano weilte
gleich hinterm Rücken des Vulkans
da gab’s eine Nachbarin, Lina:
schwarze Schuhe, schwarze Strümpfe
schwarzer Rock und Bauch und Rollkragenpulli
schwarzer Krauskopf, schwarze Zähne
und eine Stimme schwarz wie Rauch.

In Deutschland, in Wiesbaden war sie gewesen
ein halbes Jahr mit ihrem Mann.
Die Deutschen – so erzählte sie allen –
machen’s nur einmal die Woche, am Sonntag.
Wir dagegen, wir machen’s jeden Tag
einmal, zweimal, mindestens! – und dabei lachte sie
wie eine Dose Kichererbsen.

Mein Nationalstolz war verletzt, ich widersprach:
Das ist nicht wahr, es gibt auch Deutsche
die ’s nur am Montag oder mittwochs machen
und manche sogar zweimal die Woche.

Alle schauten mich an – ungläubig
als wüssten sie nicht genau, wie ernst ich es meine –
und Lina hörte auf zu kichern
wie eine leere Dose Erbsen.
Nachts, im Bett hörte ich, wie sie nebenan
mit einem Stock auf dem Terrazzoboden
den Takt dazu schlugen wie ein Metronom …

© Siegfried Schüller

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