Fledermaus–Zeit 1955–1958

für meinen Nachbarn Arno Schmidt zum 100.

Du gingst am liebsten zur Fledermauszeit
auf die Straßen unserer Stadt. Die Menschen
liefen verdünnt als Scherenschnitte herum.
Der Lärm schwieg eisern hinterm Fabriktor.
Die Abgase waberten Richtung Mond.
Ach ja, der Mond! Er hing an den Schloten

des himmelwärts strebenden Wirtschaftswunders!
Über den prüden Nierentischen schwelgte
das scharfe Katzenauge! Der Hammer der
Wiederaufrüstung brachte die Sichel nicht
aus der Ruhe! War sie zur Höchstform
aufgelaufen, 5-DM-rund-und-groß,

überfiel dich auf deinen Fledermausfluchten
die Poesie und jagte dich bis zum Güterbahnhof.
Die Lichtguillotinen der Gleise henkerten
dein Hirn entzwei. Eine Hälfte fuhr auf den
Stirnschienen mit dem Sehnsuchtszug in die
Nacht, die zweite trollte sich pfeifend

akimbo, z. B. the girls of the golden west,
homewards bound, die Aktentasche voller
hornbrillianter Notizen. Dein rotes Bettgestell,
klapprige Hassliebe, wartete schon mal
in solchen Nächten bis zum grauenden
Morgen auf deine fluchenden Hungerhaken.

© Rainer Rebscher

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