Der Henker

Das Richtschwert surrt, und spiegelnd blitzt die Sonne,
schon rollt der Schädel blutend durch den Sand.
Die Menge jubelt roh in schierer Wonne.
Nur ich deck meine Augen mit der Hand.

Verfemte, Räuber, Mörder zu entleiben
bereitet stets von Neuem Pein und Qual.
Verflucht bin ich, der Ahnen Dienst zu treiben,
nicht einem ließ das Leben eine Wahl.

Die Bürger meiden uns gleich tollen Hunden,
empfinden Ekel, zetern Schimpf und Schand,
Mein Nahen schon von Weitem zu bekunden
trag ich am Kittel Schellen, gelbes Band.

Sogar die Säufer nächtens in den Schenken
verbitten sich des Henkers Gegenwart.
Muss mich vorm Abtritt nach dem Becher renken,
wo mir ein dunkler Winkel ausgespart.

Den Kirchgang wagt mir keiner zu verwehren,
mit Huren teile ich die letzte Bank.
Um Gottes Zuspruch niemals zu entbehren
entbiet ich ihm in Demut meinen Dank.

Nicht nur, dass alle sich in Abscheu wenden,
nein, auch kein Weib lässt mich an ihren Schoß,
kein Weib sorgt um den Drang in meinen Lenden.
Die nächste schneid ich mir vom Galgen los.

© Wolfgang Oppler

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