Der Buchhändler

Morgens zieht er am Roll-Laden
Seines Ladens wie an einem Uhrwerk.
Licht fällt auf die Auslagen
Bis es dämmert, Auslagen
Die sein Konto herunterziehen
Wie Sandsäcke einen Ballon.

Aber was ist eine Zahlenreihe
Gegen eine Buchstabenreihe
Einen ersten Satz? Immer nimmt
Er sich als erstes ein Buch
Aus dem Regal, wahllos, ohne
Auf den Verfasser zu achten
Liest:
        Es war heiß, eine feuchtheiße Hölle …
Oder:
        An einem heißen Frühlingsabend
erschienen bei Sonnenuntergang auf dem
Patriarchenteichboulevard zwei Männer.
Oder:
        Wir liegen auf den beiden Matratzen,
nicht Seite an Seite, dennoch Kopf an Kopf.
Er liebt diese Augenblicke
Der eignen Schwüle.

Manchmal kommt ein Passant, unterbricht
Seine Lektüre, was ihn Geduld kostet
Gilt die Frage allein der Metrostation
Oder dem Wechselgeld.
Grossisten, ebenso Vertreter, sperren
Wenig nur die Tür auf
Seit er sich weigerte, Türme
Gleichen Buchs aufzurichten.
Aktionen 23/20 oder 12/10
Gehen an ihm vorbei.
Jedes Buch kennt er
Und jeden Käufer.
Kinder, deren Nasen und Finger
An den Scheiben kleben
Wie Tintenfische
Winkt er herein
Lässt sie lesen und schauen
Solange sie wollen.

Den Klang der Türglocke
Die er behalten hat
Von seinem Vorgänger
Bringt ihm jeden, der
Sie einmal gehört hat
Zurück.
Auch den mit der Metro
Oder dem Wechselgeld.

© Ralph Grüneberger

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