Die Wahrheit über Heinrich Heines „Nachtgedanken“

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht,
ich kann nicht mehr die Augen schließen
und möcht am liebsten mich begießen.

Die Jahre kommen und vergehn
seit ich das Altbier hab gesehn,
zwölf Jahre sind schon hingegangen;
es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Der Gerstensaft hat mich behext,
ich denke immer an das Altbier,
das Düssel-Alt, das Gott erhalt mir.

Gehopft ich habe es so lieb,
und an den Briefen, die ich schrieb,
seh ich, wie meine Hand gezittert,
wie tief das Trinkerherz erschüttert.

Das Altbier liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
zwölf lange Jahre sind verflossen,
seit ich in mich es hab gegossen.

Deutsch Bier hat ewigen Bestand,
ich spür den kerngesunden Brand,
aus seinen Eichenfässern, Flaschen,
werd ich es immer wieder naschen.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
wenn nicht das Obergärig wär;
die Brauerei wird nie verderben,
jedoch der Brauer könnte sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
so viele tranken sich ins Grab,
die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
ich lieber doch was andres wähle.

Und wählen muss ich – mit der Wahl
schwillt immer höher meine Qual,
mir ist, als wälzten sich Bierleichen
auf meine Brust – gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
französisch heitres Tageslicht;
es kommt mein Weib mit einem Kübel:
Champagnerfrühstück – auch nicht übel!

© Weinrich Weine