Freund

für E. U. †

Der war doch ein Kieler Kerl klarkantig kopfgrößer
Rosendolchgesicht hühnenhafter Händedruck hart
Der war doch Übervatersohn lebenslang jedes Mal
Umfassten seine Umarmungen mehr als mein ganzes Selbst
Der konnte mich Blauäugigen erdrücken mit Wahrheiten
Naturerklärer Cellostreicher Tubabläser Tagträumer
Wanderer im Holsteinischen, Landschaftsbetrachter
Am Ostseerand wasserscheu
Winters Kaminfeuerentfacher
Stiller werdend dann sich schon
Entfernend mit fernem Blick ins Feuer hinein Querdenker
Querlieger Träumer anderer Welten Nachdenker

Dem es eines Tages die Sprache verschlug
Dem die Wörter verdunsteten
Dann fallsüchtig von keiner
Schwerkraft aufgefangen
Später kleiner werdend sprachlos wortlos
Mir abhandenkommend vor der Welt
Sich versteckend bei klarem Verstand
Über Bord werfend
Das Seine loslassend alles
Zuletzt verschwunden dann
Nicht mehr
Da

© Ulrich Schäfer-Newiger

Lina nera

Als ich in San Giuseppe Vesuviano weilte
gleich hinterm Rücken des Vulkans
da gab’s eine Nachbarin, Lina:
schwarze Schuhe, schwarze Strümpfe
schwarzer Rock und Bauch und Rollkragenpulli
schwarzer Krauskopf, schwarze Zähne
und eine Stimme schwarz wie Rauch.

In Deutschland, in Wiesbaden war sie gewesen
ein halbes Jahr mit ihrem Mann.
Die Deutschen – so erzählte sie allen –
machen’s nur einmal die Woche, am Sonntag.
Wir dagegen, wir machen’s jeden Tag
einmal, zweimal, mindestens! – und dabei lachte sie
wie eine Dose Kichererbsen.

Mein Nationalstolz war verletzt, ich widersprach:
Das ist nicht wahr, es gibt auch Deutsche
die ’s nur am Montag oder mittwochs machen
und manche sogar zweimal die Woche.

Alle schauten mich an – ungläubig
als wüssten sie nicht genau, wie ernst ich es meine –
und Lina hörte auf zu kichern
wie eine leere Dose Erbsen.
Nachts, im Bett hörte ich, wie sie nebenan
mit einem Stock auf dem Terrazzoboden
den Takt dazu schlugen wie ein Metronom …

© Siegfried Schüller

Ohne Pfand

Das Spiel heißt
Bäumchen wechsle dich
mit verbundenen Augen
endet die Welt an der Netzhaut
bricht das Gleißen überzeichnet
grell den Innenraum das Kind
auf dem Fahrrad ein schlingernder
Schatten Mutters schwerer Haarknoten
gelöst des Vaters Antlitz mit Trauerflor
von Anbeginn ein blasser Schemen
die Frau ist längst nicht mehr
zu greifen auf dem Weg
von der Hand in den Mund
geht das Essen verloren der Sohn
trifft ein irgendwann spricht die Uhr
unverständlich jeder Schritt nach außen
endet in einem anderen Zimmer
verrückte Wände fremde Stimmen
und niemand nimmt das Tuch ab

© Christiane Schulz