Fledermaus–Zeit 1955–1958

für meinen Nachbarn Arno Schmidt zum 100.

Du gingst am liebsten zur Fledermauszeit
auf die Straßen unserer Stadt. Die Menschen
liefen verdünnt als Scherenschnitte herum.
Der Lärm schwieg eisern hinterm Fabriktor.
Die Abgase waberten Richtung Mond.
Ach ja, der Mond! Er hing an den Schloten

des himmelwärts strebenden Wirtschaftswunders!
Über den prüden Nierentischen schwelgte
das scharfe Katzenauge! Der Hammer der
Wiederaufrüstung brachte die Sichel nicht
aus der Ruhe! War sie zur Höchstform
aufgelaufen, 5-DM-rund-und-groß,

überfiel dich auf deinen Fledermausfluchten
die Poesie und jagte dich bis zum Güterbahnhof.
Die Lichtguillotinen der Gleise henkerten
dein Hirn entzwei. Eine Hälfte fuhr auf den
Stirnschienen mit dem Sehnsuchtszug in die
Nacht, die zweite trollte sich pfeifend

akimbo, z. B. the girls of the golden west,
homewards bound, die Aktentasche voller
hornbrillianter Notizen. Dein rotes Bettgestell,
klapprige Hassliebe, wartete schon mal
in solchen Nächten bis zum grauenden
Morgen auf deine fluchenden Hungerhaken.

© Rainer Rebscher

Die Frauen von Magadan

Eine Frau zu sein in Magadan heißt träumen.
»Ich wünsche mir endlich wieder einen Mann«, seufzt eine Frau aus Magadan.
»Schnarchen darf er, alt sein darf er. Ich werde ihm die Füße reiben,
die Hände streicheln. Ich möchte einmal wieder in ein warmes Bett …«

Die Frauen von Magadan sind von acht bis fünf berufstätig.
Davor und danach stehen sie Schlange, putzen und kochen.
Oft noch unter der Fuchtel der Mutter ziehen sie ein, zwei
Kinder groß. Von welchem Mann? Wo ist der Mann?

Die Frauen von Magadan gehen alleine tanzen. Sie singen
und locken die Männer. Die Männer haben Angst
vor den großmundigen Blumen auf dem Tanzboden. Sie leben –
gibt es ein Wort für die Art, wie sie leben? Wild ist zu edel.

Die Frauen aus Magadan gehen fischen und säubern Kaviar
(der Kaviar aus Magadan ist in Japan sein Gewicht in Gold wert.)
»So helft uns doch«, rufen die Frauen. Die Männer hören nicht.
Eine Frau zu sein in Magadan heißt träumen.

© Uta Regoli

Einer Podologin

Ich bin zu alt, ins Bett mit dir zu steigen,
So sehr es mich auch gerade hierzu drängt.
Ich kann dir nur verlegen meine Füße zeigen,
Die du entgegennimmst als ob sie dir geschenkt.

Du bettest jedes meiner ausgestreckten Beine
In deinen Schoß als wäre es dein Kind.
Und meine Zehen, größere und kleine,
Du hätschelst sie, bis sie vollkommen sind.

Ach, dass du in dem Liebesdienst der Hände
Doch weiter pilgertest auf meiner Haut
Und dich verlörest in dem buschigen Gelände,
Wo sich mein Glied in deine Finger traut!

© Rudolf Reschke

Späte Begegnung mit G. S.

Da wallt er einher Alters –
Schwankenden Schrittes Tat –
Sächlich er ist es:
Meraner – Sissi – Promenade
Sachs Gunter verflossen –
Er Playboy unübertroffen –
Er Schwarm aller Frauen
Der damals mit der Brischitte
Traum von Schönheit
Reichtum Liebe und Glück
Für Millionen Menschen tag –
Täglich mit Geschmacksver –
Stärker medial neu inszeniert.
Jetzt geben gesteifte Hose
Und gestärktes weit geöffnetes
Hemd ihm sicherlich Halt
Und nötige Zuversicht den
Parcours neugieriger Blicke
Für den Rest der Tage
Unbeschadet noch
Zu bestehen.

© Wolfgang Richter

Zusammen

Ich muss immer wieder dahin.

Dort, wo das alte Gemälde hängt,
im dunklen Burgsaal, ganz hinten,
im letzten Zimmer,
getrennt durch ein Seil,
am Ende des Rundgangs.

Ich bleibe bis ganz zum Schluss,
bis der Wärter mit dem Kugelbauch
die Letzten rausschmeißt,
um kurz vor fünf,
an einem Mittwochnachmittag.

Du sagst, es ist eine Obsession,
ich sage, es ist eine Notwendigkeit,
dass ich dieses Gemälde anschaue,
wieder und wieder,
mir ansehe wie die beiden nebeneinander sitzen,
Händchen haltend seit Jahrhunderten,
inmitten der grünen Chintzsofas,
vereint in friedvoller Stille,
im gemeinsamen Öl auf der Leinwand,
nirgendwo anders sein wollend als dort,
gemeinsam,
zusammen.

Sie haben ihren Platz gefunden.

© Susanne Rowell