Kreuzung

Er steht an der Ampel
Und atmet die Wildnis
Der offenen Straße,
Rotlicht gebremste Natur.

Sie fährt im silbernen Glanz,
Im neu-modellierten Coupé
Um Pradas Gucci-Ecke,
Gelbgrün gefärbte Fahrspur.

Es wechselt die Ampel die Farben,
Er drückt aufs Pedal,
Gibt Gummi, gibt Gas,
Spürt den Brennesselwald
Unter der Motorhaube.

Sie fühlt Asphalts behaarte Brust,
Lässt Caracciolas Cabriolet
Benzin saugenden Turbo vorbei,
Schon lockert sich die Mutter
Kotflügeliger Schraube.

Mustang Sally,
Funky Street,
It’s a man’s world –
Crossroad Blues.

© Manfred Klenk

Rapunzels Reise
von Argos nach Lindau

Leuchtende Stadt, in welcher Glanz und Prunk sich befehden!
Ich bin durch deinen Hauch Ausfluss und Abbild zugleich –
Ausfluss des göttlichen Goldes und Abbild der menschlichen Bronze.
Du, der Quell aller Kunst, treibst mich zum steinernen Turm.

Trotz meines innigsten Wunsches, mein eigenes Gold zu betrachten,
Welches als blondes Haar himmlische Weiten umspannt,
Bin ich zu steifem Schreiten auf steiniger Straße verurteilt.
Nur durch Perseus’ Schild ist mir ein ahnender Blick.

Dicht auf der Ferse ist mir Medusas schmeichelnde Schlange,
Deren süßes Gift ewigen Frühling verspricht.
Müde des stechenden Reizes und dennoch kindlich beeindruckt,
Warte ich voller Scham auf den lebendigen Stein.

Wird die verstehende Nachtigall mich schützend empfangen –
Aus dem Fenster des Turms lieblich besingen mein Gold?
Oder gerate ich in die Fänge der eigenen Haare,
Wenn mein menschlicher Blick Vorne und Hinten vergisst?

© Martin Kopp

Turandot

Dreizehn mal hab ich gelacht
als der Kopf fiel
und die Begierde
und der Mann
in den Sand
Turandot lacht bei Vollmond
über Männer und den Hundeblick
und weiß sie beißen zerfleischen
die Schwachen

wieder dreimal der Gong und da
steht einer mit Löwenblick der ist
Sonne der weiß
meine Fragen der hat
in der Seele meine Hoffnung
hat im Herzen mein Blut
wirft Alchimistenbrand auf den Grund
meiner eisigen Schwärze
die kocht und rast und wallt und
klärt sich zum
ich bin
Turandot

© Gisa Kossel