die schreitende

sie trägt die vollen brüste
vor sich her, schreitet langsam

durch die große halle: aufsehen
erregend – alle augen folgen ihr.

allein in diesem lichten raum
scheint sie aller dinge maß zu sein.

schon verschwindet ihre schlanke
gestalt in mir versperrten gängen;

kommt sie bald wieder? trug
die vollen brüste vor sich her

so gänzlich ungeniert. o gott,
zeig mir den zünder, verzeih

mir armen sünder, wenn diese
scharfe bombe abends explodiert!

© Thomas Hald

herzförmig

In der Galerie hängt ein
Siebdruck von Dir Die Farben
auf Deinem Gesicht sie scheinen
zu sprechen es muss Dich
geben Wie oft zähle ich an meinen
Fingern die sechs Farben der Stadt
rastere die Ebenen der Leute im
Park Es fehlt ein Spektrum im
Bild als wärest Du da gewesen
Momente bevor ich mein
antikes Farbsuchgerät hob

Die Ausstellung ist bald vorüber Ich
kann es schwer glauben und
suche wie ein Ausguck die
Panoramen ab Wo hat er
Dich her der Drucker mit
seinem Sieb? Er bleibt
verschollen wie Du der Druck
ist o.T. Er selbst ein Pseudonym
Sie machen es uns nicht
leicht aber wir ritzen uns
zurück in die Rinden im Park

© Jonis Hartmann

herzschlag der gabelstaplerinnen

herzschlag der gabelstaplerinnen

neben glühender esse die pinup-flamme
im matten schimmer von schmieröl. das
maschinengehäuse sagt eine hausnummer
und: ich bin doch kein mülleimer.

vom zunder bis zur asche, glockenschlag,
hammerschlag, nach der schicht die messe.
früher war das werk im dorf und draußen
die welt natürlich: aus einem guss.

ein zischen, dampf steigt auf, die sicht
prüfung im wahrsagerzelt bestehen nur
frauen im schwarzlicht. der ultraschall
belegt: begeisterung klingt anders.

rohrzange, rohrspatz: wie lange denn noch
80 dezibel herzschlag der gabelstaplerinnen.
draußen aalt sich stahl in der sonne, endlich
frische druckluft. sie rauchen. feuer

werkskörper.

© Judith Hennemann

Der Jugendfreund

Ein Vierteljahrhundert Wasser.
In meinem Mund.
Du bist schuld.
Gestehst nichts.
Damals noch.
Mit der Ente durch den Osten.
An Jena vorbei.
Ein zartes Ding im Fuchsienversteck.
So früh wie noch nie.
Dann musste es die Hauptstadt sein.
Wir ignorierten Massen weise
Menschen. Ein irres Potenzial.
Wieder gen Osten mit den Grenzen.
Eine Scheune an der Oder,
die wir nackt aufsuchten.
Schlussendlich Hochzeiten.
Unterhaltszahlungen.
Kurznachrichten.

War da was?

© Friederike Hermanni

Prachtweib

im Café Tagblatt am Sonntagmorgen ½ 6

Ein hochgewachsenes Prachtweib
im sehr knappen Kleid.
Die Ränder des Ausschnitt-Dreiecks
rahmen den Ansatz
empor gehobener Brüste ein,

und schwarzgraue Wolle
liebkost ihren Leib.

Raumgreifend führt ihr Begleiter
lautstark das große Wort

© Günter Hess