irr • licht

nie ging sie auf der rechten seite
der straße. sie machte einen bogen um
alles grüne wie zu viel gras, den park
oder grüne, geparkte autos

sie rauchte allein filterlose gauloises
auf dem geländer des parkdecks
sitzend im regen
ging sie aufrechter als sonst
war ihr langer rücken gekrümmt
wie ein die last des sommers
tragender olivenbaum

sie nannten sie leuchtturm oder
ariadne, wenn sie durch die unigänge
stolperte, ein rotes irrlicht war ihr haar
leuchtete im dunst der mensa

bevor sie verschwand, sahen wir sie lachen
im heidegger-seminar,
als sie die zerfallende existenz
ihres abgekauten bleistifts
genau untersuchte

© Axel Goerlach

Kleine Kirmesballade

Ich fand in meiner Manteltasche
ein klitzekleines Weib.
Das sprach: Ich bin für dich zum Naschen
sowie zum Zeitvertreib.

Aus Zucker, Eiern, Marzipan
und süßesten Rosinen
lag sie vor mir und sah mich an.
Sprach: Du darfst dich bedienen.

Sie heiße übrigens Susann
geknetet voller Liebe.
Der Hinweis sprach mich seltsam an.
Wo sie denn heut Nacht bliebe?

Ich hob sie hoch und roch an ihr
und brach sie längs entzwei.
Ich knabberte am Drum und Dran,
sie kicherte dabei.

Da schlug die Uhr, es machte plopp!
Ich biss verliebt ins Kissen
und wachte auf mit dickem Kopp.
Das Weib werd ich vermissen.

© Andreas Graf

Ein Wunsch

Was sie sich wünscht – manchmal
im Museum für Alte Kunst
im Museum für Neue Kunst –

einen Raum mit leeren Wänden
und bequemen Sitzen

um Gesehenes zu wiederholen
wieder zu holen

Und

um manchmal mit bloßem Finger
ein Nachbild
ein Gegenbild
ein eigenes Bild
zu entwerfen.

© Wolf-Dieter Grengel

Der Katzenmann

Dass er in der Senioren-Uni
Altgriechisch hört
Ist ihm nicht anzusehen, dem Mann
Mit dem siamesischen Wesen
Der abends Schlips & Kragen verlässt
In Mülltonnen stochert
Papierkörbe wendet, Pfandflaschen
Sammelt, alles hingibt
Für Katzenfutter. Das Mauzen
Der kleinen Körper, er nährt sie.
Mich, sagt er, haben Katzen
Über den Kriegswinter gebracht.
Jede strenge Nacht kamen sie
Mir ihre Wärme zu geben.

© Ralph Grüneberger