Winter

die Haare hatten begonnen
in weißen Büscheln aufzustehen
nur sie schienen sich noch
einmal zeigen zu wollen

auf den knotigen Gelenken
hörte man die lilafarbenen
Flecken nicht mehr atmen bevor
sie weggetragen wurde war sie

schon viele Male verschwunden
ihr Leben rutschte durch die
Gitterstäbe ging mit dem Kopf
voraus durch die Wand fort und

unter der letzten Decke
ward ihr nicht mehr warm

© Maria Elisabeth Birkle

johanna

»tödlich ist’s, der jungfrau zu begegnen«
die jungfrau von orleans, schiller

du sitzt allein die kalte wand im rücken
in enger schrift auf dem stein die traktate
aus der stadt klingen die glocken herüber
niemand weiß künden sie jubel oder gefahr
dann fürchtest du die barrikaden aschschwarzes wasser
rinnt über das pflaster dir zwischen die zehen
reib die worte von der wand die schmerzen wie krieg

der fluss trägt das morgenlicht aus der stadt feuerspiegel
früh erschreckt brachen die herden auf von ihrem lager
am ufer rotten sich die verlassenen hunde zusammen

du stehst in diesem kahlen wald es ist bereits winter
dieses schweigen dieser unerbittliche schnee
darunter das gras darunter die abrupt endenden spuren
mit blutroten händen schreibst du krieg krieg immer wieder
da hat die stimme längst versagt die hunde heulen
jagen ihre mondschatten als die barrikaden brannten
war es warm für einen letzten augenblick

© Klaus Bölling

206

das Licht ist trotzdem zu milde
die Räume zu flimmernd
die Orgel ist ein Gitterwald
ohne ihn
den Solopianisten mit der einen blutenden Lippe

auf die Länge
hältst du an dir fest
die Ausgangsposition der Knochen
insgesamt zwei hundert und sechs
musst du auf die Reihe bekommen

wenn du die Lippen gegen den Spiegel drückst
starren sie dir ins Gesicht

wie leuchtende Knie
mit Spuren nach Kindheit
ragen sie aus dem Finstern hervor

© Eva Botofte

Der Gehilfe

Der Gehilfe des Fährmanns
Hat Pause bläst Qualm in die
Widerwelt sieht Treibholz
Ziehen auf der Donau Tiere
Schwarz mit spitzen Zähnen

Steigt zurück auf die Fähre
Ein paar Forint zu verdienen
Zieht ein Seil aus dem Wasser
Vertäut das Schiff tausendfach
Geübter Schwung

Niemand sieht es

© Bernhard Brack

der Untermieter

Haus und Werkstatt
hat er auf der Fensterbank
heißt: er wohnt und arbeitet da
es scheint, er lebt allein und
zurückgezogen – man sieht ihn
kaum – in der Scheibe Baum
mitgebracht aus dem Wald
(seine Welt ist tatsächlich eine)
(was ihm egal ist, Hauptsache Holz)

ich höre ihn, wenn ich noch
leiser bin als er
er schläft glaub nie
er ist ein Er
ich stelle ihn mir klein und
drahtig vor

Holz hat er ganz
zu seiner Sache gemacht
Herr und Knecht in einem
rechenschaftspflichtig keinem
und so und nicht anders
wollt er es haben, als er es hat

© Anna Breitenbach