Altes Geschriebenes

»Schreiben heißt: sich selber lesen«
Max Frisch

Alte eigene Texte gelesen mit
Meinem Namen versehene dreißig
Jahre alte Sätze von mir
Geschriebene
Wörter die damals aus mir
Herauskamen irgendwie hervor-
Brachen vor dreißig
Jahren unbekannt fremd
In der Gegenwart
Das Gefühl und die Spur
Sind die eines Anderen nicht
Ich Fremder aus zweiter Hand
Das hat mit mir
Jetzt die Wörter
Alle diese Sätze mit mir
Heute nichts mehr
Zu tun nicht
Mit mir
Doch
Nicht

© Ulrich Schäfer-Newiger

Sprichwörter

Aus Sprichwörtern und Redensart,
mit Weisheit und Humor gepaart,
Wort auf Wort – ein Satz ganz schlicht,
entsteht Zeile für Zeile ein Gedicht.

Was du heute kannst besorgen,
das verschiebe nicht auf morgen.
Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.
Den letzten beißen stets die Hunde.

Quäle nie ein Tier zum Scherz,
denn es fühlt wie du den Schmerz.
Hunde, die bellen, beißen nicht.
Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.

Morgenstund’ hat Gold im Mund.
Kindermund tut Wahrheit kund.
Messer, Gabel, Schere, Licht
sind für kleine Kinder nicht.

Auf Regen folgt stets Sonnenschein.
Das fünfte Rad am Wagen sein.
Ein Unglück kommt selten allein.
Steter Tropfen höhlt den Stein.

© Susann Scherschel

An Hilbig I: Reise durchs Licht

Heute blühn die Magnolien für dich
Magnolien, im August, wirst du sagen.
Aber so ist es – mit Porzellanblüten
Schlägt heute jeder Strauch, ja, Straßen-
Mast aus, um dich zu ehren. Und
Ruhe nun aus: wo die dürstende Erde
Die wunderlichsten, auf dieser Seite
Der Welt noch nicht erblickten Blüten
Austreibt: Wolfswegerich, Feistblatt
Und Araratkraut, Lilien mit Schwertern
Wie Abteiltüren schwer, und schwarze
Gladiolen … Bald stehn die Plejaden
Günstig und du findest den Orionweg –
Mit dampfenden Früchten behangen,
Steigst du ins Irrlicht. Solange blühn
Die Magnolien, heulen die Zerberusse
Für dich … ein sanftes Glimmen und
Glühen für dich, in der Nacht von Berlin.

© André Schinkel

Die Dichterrolle

Zuweilen rollt der Dichter vorwärts
als gehe es einen Berg hinab
und legt eine Spur Buchstaben.

Zuweilen rollt der Dichter rückwärts
walzt seine Buchstaben platt
oder schiebt sie zu einem Haufen zusammen.

Zuweilen aber steht der Dichter kopf
rollt weder hin noch her
umringt von seinen Buchstaben

die starren ihn an und warten
dass er seiner Rolle gerecht wird.

© Maren Schönfeld