Obon: das Ahnenfest in Japan

Obon, Obon! – Man weiß es schon:
Japaner sind jetzt in Aktion.
Auf Autobahnen Riesenstaus,
die Züge überfüllt. Ein Graus!
Doch in der Heimat angekommen,
vom Reisestress noch mitgenommen,
zeigt sich das Elternhaus vertraut
dem Sohn, der Tochter, und man schaut,
dass alles vorbereitet ist,
am Hausaltar man nichts vermisst,
damit die guten Geister der
Verstorbenen „von ganz weit her“
nach Hause sich begeben und
verweilen im Familienrund.
Man isst und trinkt zusammen. Auch
den Geistern schmeckt’s nach altem Brauch.
Viel Feuerwerk und Tanz im Kreis
(vom Kleinkind bis zum Jubelgreis)
gibt’s draußen, wo auch kühles Bier
Spirituelles fördert. Schier
verrückt mit ihrem schrillen Sound
sind die Zikaden. Gut gelaunt
verbringen die Familien
Obon mit ihren Ahnen, denn
der „Zauber“ soll ein Jahr lang halten,
sich möglichst segensreich entfalten.

© Günter Langenberg

glaubst du an Zufall

glaubst du an Zufall
auf der Praterinsel im Moment der Nacht
grau war der Tag doch endlich wird es hell vielleicht ja
mehr als das so lange nicht gesehen dein Blick
das weiße Blatt klopft unerwartet heftig an
mein grünes Sofa haben nichts
wo ist der Blitzableiter zu verlieren
bei so viel Energie hilft tanzen zwei Körper
pochen in der Menge Riddim der Worte Ragga der Sound
sprachhypnotisch frei gelassener Puls in einem Pavillon aus Bass
als sie das Salz von ihren Lippen lecken Stroboskopgewitter
Treibholz im Strom der Menschen um den Totempfahl
erzählt der vielleicht später auch von ganz
früh am Morgen zwischen Pendlern dünstet
unterirdisch Aura einer Partynacht
aus blinzelnden Kaninchenaugen
wenn nicht wer sonst
strahlen wir uns an

für R.

© Silke Loser

Sechzigster Geburtstag

Spiel noch einmal das Lied von Jimmy M., die Gitarre
Mit den rasenden Riffs, denn gleich schlägt – bang, bang
Die Uhr zwölf und dann ist deine Band eine Rentner-Gang
Mensch, Swinging Sixties, wer hätte gedacht, dass wir je so alt
Aber immer noch biegsam in den Hüften die Patty Smith
Platte ist total zerkratzt – because the Night – komm wir stoßen an
Mit den Damals-Getränken, dem Disko-Bier, Tequila, Wodka
Russland war kein schönes Land, doch wir standen unter den roten Fahnen
Im Hofgarten in der langweiligsten Hauptstadt der Welt, darauf ein Alt
Und auf ihre verruchte Schwester ein Kölsch, sie zog die hohen Hacken an
Den Joint durch, wir verstanden ihre Mundart-Rocker nicht
(An unseren Schuhen klebte Torf, wir traten alle Vokale breit)
Doch wir liebten sie; hungrige Feierbiester waren wir
Mit dem Anarcho-A unter dem T-Shirt, dort wo das Herz schlägt
Nicht satt vor dem Morgen, wenn der Nebel aus dem Rhein aufstieg
Um die Häuser zog und wir mittendrin, verdammt lang
Verdammt lang her

© Britta Lübbers