Der Weinkönig in A-Null

Der Asphalt mittels Brücken übers Wasser
unsere Decken berühren sich Sie sieht mich
nicht morgens im Reisenebel erspäht mittags
die Grenze Überquert sie sieht nur sich ich
fall nicht auf Innenleben vibriert wir Rattern
über den Fluss ich saug am Kaffee interessiert
sie steht auf und Weist mein Ende fremde Luft
am Nachmittag wo regiert der Weinkönig In
A-Null an der Säule ohne Gebälk weiter durch
Alleen immer hinterher Direkt zum Markt
Tomate Aubergine Orientierung Salate
Baguettes und Paté man erwartet mich zur
Konferenz allein ich bin spontan verhindert
Thunfisch Rosé alles lindert alles passé nur
ein Mahl am Ufer mit Sicht Auf Wasser unter
Sonne die Kähne wie Treibgut hinten wartet
ein Zug Tutet zurück ein Blick sie will mich
nicht aber ich tu als ob wir feiern zwei
Schluck und noch ein langer krönt das Paar

© Jonis Hartmann

Wilde Brombeeren

Ein Riss in der Armhaut, tief;
sichtbar, immerhin. Einen anderen zu sehen, macht
Bewegung, die ihn machten,
zum Jagdwild. Ihn in der Rolle der Schlucht

zu sehen. Sie hofft uns zu brauchen – bis zum Ende
das Ende – schafft es aber
nicht, die Augen zu öffnen, die sie sehen. Meint
nur: Blüte im Licht, Abbild

im Schatten. Labt sich, verschluckt sich daran.
Was aber war – denn überhaupt – da, anfangs
nämlich, bevor du zurückschrakst? Bald schon
Ereignisdichte, Konfettikanonen

und, ohne (Bedarf) wiederzukehren: ein Wegsehen – selbst
abseits der Wegweiser, im Wald, wo Rost, übermoost,
auf trotzigem Ackergeräten … Ein Wegsehen – hingebeugt
dem Hurra eines Steinchens

Eile im Schuh: Eile, die Zeit anzurempeln, die Zeit
und die Antworten (in goldbeschichtete Pappfetzen geritzt),
die sie herschwemmt, nicht weniger als gestern. Gut so,
nicht? Kunststück, was sonst? Kaum dass weniger verwirrend.

© Dieter Hischmann

Beflügelt

Zu diesem 100. Geburtstag erschien nicht
die obligatorische 2. Bürgermeisterin mit dem
immer gleichen Blumenstrauß, um den Jubilar
vor der Linse des gelangweilten Fotografen
zu einem zahnlosen Lächeln zu verführen.
Auch wurde dieser nicht genötigt, einer schüchternen
Zeitungspraktikantin von seinen Erinnerungen
an längst vergangene Zeiten zu erzählen.

Wie hätte er auch
die Verletzungen lebenswichtiger Bestandteile seines
Körpers durch Granatsplitter schildern sollen,
wie die jahrelangen Demütigungen,
die Erniedrigung, als Besatzungssoldaten ihn
auf das Unwürdigste missbrauchten, indem sie ihre
Notdurft auf ihm verrichteten,
wie das Gefühl der Hilflosigkeit, als sie ihn zuletzt
in einem wassergefüllten Graben für immer zum
Verstummen bringen wollten?

Wie hätte er
seine jahrzehntelang anhaltenden Missstimmungen
und Blockaden erklären sollen, die schrillen Töne,
die er bei allen Versuchen, ihn ins Leben zurück zu holen,
von sich gab?
Er,
der in seinen Jugendjahren, den Goldenen Zwanzigern des
letzten Jahrhunderts, als umjubelter Mittelpunkt der Salons
zierliche Damenfüße über das Parkett hatte schweben lassen?
Er,
der immer als besonders zart besaitet gegolten hatte und stets
in bester Stimmung gewesen war?

Wie sehr hatte er sich gesehnt nach den Träumereien am Kamin,
nach dem Zauber von Nächten im Mondschein,
nach den flinken, gefühlvollen Fingern von Elise,
unter denen er vollkommen schwach wurde und
sich ihnen wie in Trance willenlos hingab,
nach den schwungvollen Walzern,
Schwarz und Weiß im Dreivierteltakt,
nach rauschenden Etüden in Dur und Moll,
nach fremden Ländern und Menschen – man bedenke, sogar
zu einer Weltausstellung hatte man ihn einmal mitgenommen!
Was für eine Sensation das damals gewesen war . . .
Etwas in seinem Inneren war zerbrochen,
und in seinen kühnsten Träumen hätte er sich nicht vorstellen können,
dass jemals wieder Saiten in ihm zum Klingen gebracht werden könnten,
die auch die Menschen um ihn herum zutiefst anrühren würden.

Aber das Wunder war geschehen:
so manchen Dämpfer hatte er bekommen,
neue Saiten waren aufgezogen worden,
und hier stand er nun:

ein
Flügel
elegant
schwarz
2.40 m lang
Marke Ibach
Baujahr 1913
frisch lackiert
sorgsam poliert
mit 88 Tasten aus
Elfenbein und Ebenholz
mit stolz geöffnetem Deckel,
umringt von halbwüchsigen Kollegen
wie dem fabrikneuen Bechstein, dem Blüthner,
dem weit gereisten Yamaha, dem kleinen Seiler, dem
majestätischen Steinway, dem Grotrian und Schimmel,
die es kaum erwarten konnten, in wenigen Augenblicken
mit sorgsam ausgewählten, musikbegeisterten Menschen
seine triumphale Wiedergeburt zu feiern.

© Gabriele Hoeltzenbein