Möwen in Rom

Große Möwen sind
die Legionäre von heute,
hängen im blassen Blau
landen auf hohen Türmen
unweit der modernen Meute.

Sie kommen einzeln vom Meer,
nicht in geordneten Schwärmen,
bewachen die roten Thermen,
die ihre flachen Ziegel
in römischer Sonne wärmen.

Abends ziehen sie wieder ab,
kreisen ein kurzes Stück,
kehren, dem Tiber folgend,
westwärts nach Ostia
ins dümpelnde Lager zurück.

© Werner M. Schulze
Aus: »Noch leuchten die Gärten«,
Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 24

wasser

enteisent und mit kohlensäure versetzt
eisbein und sauerkraut du gehst auf
dem zahnfleisch phrasen natürlich
gedroschen ob das ei was vom

ei weiß der schnee von gestern
beginnt erst das große kotzen
nicht kleckern – klotzen so
weit die weisheit guderians

sekt oder selters es gilt die kräfte
massieren menschen perlen in reih
und glied bald fällt dir das fleisch von
den knochen ein fell hast du dick wie ein

panzer nicht rasten wie arabesken nicht rosten
als gings dir darüber kein wort verlieren
vom arsch ab es mündet schnörkellos
gut ding du mußt es verkosten

© Helmund Wiese
Aus: »fliegende wechsel«,Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 17

Am Ende des Feiertags

gibt’s keinen Feierabend es wird wieder Zeit
hervorzuholen vorsorglich deinen Arbeitsplatz

aus der Versenkung aufzubauen leise lustlos

die altvertraute Spielzeugstadt deinen Kopf

schraub ihn fest auf den Körper damit er morgen
ausreichend seine Umwelt beleuchtet hol vom Balkon

die unsichtbaren Spruchbänder mit deinen Wünschen

leg sie zuoberst in den Korb mit der Schmutzwäsche

Erloschen all unsere Kontakte zur Umwelt
bis auf die paar die wir regulieren können

beliebig durch Knopfdruck was immer nun

mit uns geschieht muss entspringen in uns

für uns beide bleiben
nur wir selbst übrig

für dich und mich vielleicht

noch ich und du

© Andreas Wilhelm
Aus: »Einstieg in den Mittelpunkt«,
Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 7