Wie geht die Liebe im Alter.
Eine Vertrautheit

Ein Schäumen im geschlossenen Gefäß
dein müdes Auge

kann sich nicht mit jeder Linden
Blüte messen lassen noch verschließt die Kälte
der Nacht die Achsel
Höhlen wir spielen leicht gerötet

von Schüchternheit den Sommer durch auf unsrem Weg

ins Bad indem wir nackt die Schuppen
von den Schultern fegen wie verbrannte Haut
dann lassen wir gebückt
die Altersflecken auf der linken Handtuchseite sagen

daß heute Waschtag sei einander abgewendet weil
jeder auf dem Fliesenboden

seine ausgefallenen Haare zählt ein ganzer Fuß
Weg sagst du sei der letzte Schritt
in deine Filz
Pantoffel ohne daß sogleich ein lautes Klopf

Geräusch entsteht

© Knut Schaflinger
Aus: »Flüchtige Substanzen«,Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 30

Möwen in Rom

Große Möwen sind
die Legionäre von heute,
hängen im blassen Blau
landen auf hohen Türmen
unweit der modernen Meute.

Sie kommen einzeln vom Meer,
nicht in geordneten Schwärmen,
bewachen die roten Thermen,
die ihre flachen Ziegel
in römischer Sonne wärmen.

Abends ziehen sie wieder ab,
kreisen ein kurzes Stück,
kehren, dem Tiber folgend,
westwärts nach Ostia
ins dümpelnde Lager zurück.

© Werner M. Schulze
Aus: »Noch leuchten die Gärten«,
Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 24

Berufsberatung

Heute war Berufsberatung.
Lieber Papi, hör mal her:
Alle diese Scheiß-Berufe
sind mir leider viel zu schwer.

Fotograf sein ist beschwerlich:
Lichtverhältnis, Blende, Blitz.
Ich brauch irgendeine Sache,
wo ich bloß zu Hause sitz.

Augenblicke konservieren,
einfach so, spontan, ad hoc?
Ich will später eine Arbeit,
wo ich bloß zu Hause hock.

Journalist sein ist ermüdend:
Leute treffen, Meinung, Schreibe.
Ich verlange eine Stellung,
wo ich bloß zu Hause bleibe.

Recherchieren, Formulieren,
wäre das mein Lebenssinn?
Ich erwäge jenes Handwerk,
wo ich bloß zu Hause bin.

Hundertfünfzig Angebote
machte der Berufsberater.
Ich erstrebe ein Gewerbe,
wo ich bloß zu Hause – Vater,

ich will gerne Dichter werden.
Hör verdammt noch einmal her:
Ich will nichts als Dichter werden,
weil ich dann zu Hause wär.

© Andreas Schumacher
Aus: »Herr der Möhren«,
Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 11

Übermorgen

Wie bin ich Tausendschönchen
versunken in der Wiese
in Schaumkraut Dottersumpf

und Ackerwinde blau

um neunundzwanzig Wirbel.

Bärenklau brummt in der
Augenhöhle Schlaf

Mohn rötet die Schläfen.

Brustkorb luftiger Käfig

für goldige Löwenzähne.

Weiße Lampions gezündet
am Schlüsselbein und alle

Handwürzelchen wachsen.

Endlich viel Platz für Himmel

zwischen vierter und sechster Rippe.

Dicht an dicht Margeriten
im Becken und ohne Scham

Kälberkräuter sieben

Dolden um Schenkel und Fuß

Ketten aus gelben Blüten.

An der Kniescheibe Ampfer
Wiesenrispengras lispelt süß

und zittert in den Gleisen

von Waden und Schienbein.

Was für ein Ehrenpreis!

Wie schön ich bin
in hundert Jahren!

© Barbara Seeberg
Aus: »Gestern das Rot aus dem Kehlchen«,Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 9