Kleine Kirmesballade

Ich fand in meiner Manteltasche
ein klitzekleines Weib.
Das sprach: Ich bin für dich zum Naschen
sowie zum Zeitvertreib.

Aus Zucker, Eiern, Marzipan
und süßesten Rosinen
lag sie vor mir und sah mich an.
Sprach: Du darfst dich bedienen.

Sie heiße übrigens Susann
geknetet voller Liebe.
Der Hinweis sprach mich seltsam an.
Wo sie denn heut Nacht bliebe?

Ich hob sie hoch und roch an ihr
und brach sie längs entzwei.
Ich knabberte am Drum und Dran,
sie kicherte dabei.

Da schlug die Uhr, es machte plopp!
Ich biss verliebt ins Kissen
und wachte auf mit dickem Kopp.
Das Weib werd ich vermissen.

© Andreas Graf

Ein Wunsch

Was sie sich wünscht – manchmal
im Museum für Alte Kunst
im Museum für Neue Kunst –

einen Raum mit leeren Wänden
und bequemen Sitzen

um Gesehenes zu wiederholen
wieder zu holen

Und

um manchmal mit bloßem Finger
ein Nachbild
ein Gegenbild
ein eigenes Bild
zu entwerfen.

© Wolf-Dieter Grengel

Der Katzenmann

Dass er in der Senioren-Uni
Altgriechisch hört
Ist ihm nicht anzusehen, dem Mann
Mit dem siamesischen Wesen
Der abends Schlips & Kragen verlässt
In Mülltonnen stochert
Papierkörbe wendet, Pfandflaschen
Sammelt, alles hingibt
Für Katzenfutter. Das Mauzen
Der kleinen Körper, er nährt sie.
Mich, sagt er, haben Katzen
Über den Kriegswinter gebracht.
Jede strenge Nacht kamen sie
Mir ihre Wärme zu geben.

© Ralph Grüneberger

die schreitende

sie trägt die vollen brüste
vor sich her, schreitet langsam

durch die große halle: aufsehen
erregend – alle augen folgen ihr.

allein in diesem lichten raum
scheint sie aller dinge maß zu sein.

schon verschwindet ihre schlanke
gestalt in mir versperrten gängen;

kommt sie bald wieder? trug
die vollen brüste vor sich her

so gänzlich ungeniert. o gott,
zeig mir den zünder, verzeih

mir armen sünder, wenn diese
scharfe bombe abends explodiert!

© Thomas Hald

herzförmig

In der Galerie hängt ein
Siebdruck von Dir Die Farben
auf Deinem Gesicht sie scheinen
zu sprechen es muss Dich
geben Wie oft zähle ich an meinen
Fingern die sechs Farben der Stadt
rastere die Ebenen der Leute im
Park Es fehlt ein Spektrum im
Bild als wärest Du da gewesen
Momente bevor ich mein
antikes Farbsuchgerät hob

Die Ausstellung ist bald vorüber Ich
kann es schwer glauben und
suche wie ein Ausguck die
Panoramen ab Wo hat er
Dich her der Drucker mit
seinem Sieb? Er bleibt
verschollen wie Du der Druck
ist o.T. Er selbst ein Pseudonym
Sie machen es uns nicht
leicht aber wir ritzen uns
zurück in die Rinden im Park

© Jonis Hartmann