Die Fremde

Liebe Fremde! Nenne mir die Augen
 Die mit Feuer Feuer ewig strahlen
Nenne, liebe Fremde, mir die Hände
 Die mit Liebe wahre Liebe malen
Gleich dem tief verborgenen Gestirne
 Kreist mein schwacher Geist, ein zehrend Wesen
Um Deines Antlitz wilde Sonne
 Sich in Deinem Blicke zu genesen

Eifrig spielt die goldnen Saiten
 Deine meeresreine Stimme,
Von den hohen Felsen weit im Winde
 Bis zum dunklen Grunde sie erklinge

Aus den eisbedeckten, wachend Mauern,
 Tief aus unerschlossnen Sphären
Tritt die Schwester meiner Hoffnung
 Allen Frohsinn zu vermehren

Und mit welchem Namen, liebe Fremde,
 Reisst Du mächtig aus der Schatten Welt
Meine Sorgen, meinen Kummer
 Bis mein Blut durch meine Adern schnellt

Sei! so reinen Mutes, voller Freude
 Stürmisch fordernd, gleich der Götter Wille,
Und im Angesichte dieses Schattens
 Bezirze Venus Deines Herzens edle Stille

© Patrick Mautsch

verbogen

irgendwann
kommt eine frau herein
die werde ich heiraten

nahmst mich bei der hand
im traugewand

hast gelogen
mein leben verbogen

jetzt
verstehe ich frauen
die morden

irgendwann
kommt eine fröhliche frau herein
die werde ich heiter heiraten

nahmst mich hurtig bei der hand
im trauten traugewand

hast locker gelogen
mein leben verboten verbogen

jetzt
verstehe ich friedliche frauen
die morgen morden

irgendwann
fröhlich frisch
herrlich heiter

hurtig himmelnde hände
trauen traute braut

locker locken
verboten verlogene vorboten

jetzt
friedlich fromm
morgen männer morden

© Michaela Neger

Ich wasche meine Hände

Ich wasche meine Hände in dem Meer deiner Seele rein.
Ich wasche sie rein von dem Blut der vergangenen Jahre,
das erinnernd noch von den Fingerspitzen tropft.
Wie Perlen sinken die Tropfen rot in die Dunkelheit.
Die kleinen Wellen verschwinden sacht und verlieren sich
in deinem tiefen Sein.
Die Hitze der gestrandeten Träume kühlt sich
an deiner Seehaut.

© Swantje Opitz

Ästhetisch-chirurgischer Eingriff bei Julia C.

Symptomatik: desparate Seelenströme bei adoleszentem männlichem Patienten
Wahnsymptomatik erotischen Inhalts  hochproduktiv
über eine nicht näher eruierbare Julia C.

schwere Katatonie, Alternieren zwischen Stupor und Raptus mit Fremdgefährdung
(Angriff auf Mitpatienten mit einem Frühstücksmesser Gestik wie bei Fechtkampf)
zeitweise Bettfixierung notwendig

berichtet starkes Zerren  Reißen
an den höheren ätherischen(!) Organen
sein Blut sei verrottet er  wünscht den Austausch

Behandlung: Haloperidol Androcur Aspartam Narvik-Lösung
heterodoxe Dosierung
zwölf per die

und dennoch gestern Fieberkrise
schrie laut er hasse Romeo
den Mordbuben  den Mädchenschänder
was sei denn nun
ihr habe man doch transplantiert
das Herz
ob es geglückt sei oder nicht?

© Karsten Paul