Vom Lesen

Warum ist es wichtig lesen zu können?

Ohne lesen zu können,
bekommt man schlecht Arbeit,
man kann nicht einkaufen
oder nur Produkte kaufen,
die man schon kennt;

man kann die Straßennamen nicht erkennen,
Formulare nicht ausfüllen,
keine Geschäftsbriefe lesen
und Fahrplane nicht entschlüsseln.

Namen und Adressen
muss man sich immer merken;

Restaurantbesuche
und Eissorten auswählen
sind nur mit lesender Begleitung möglich.

Rezepte und Waschzettel
bleiben ein Geheimnis –

man ist stets auf Hilfe angewiesen!

Warum aber ist es wichtig zu lesen?

Es ist wichtig zu lesen,
damit die Arbeit,
das Einkaufen
und die Produkte
nicht alles sind;

damit das Leben sich nicht
in Straßennamen,
Formularen,
Geschäftsbriefen
und Fahrplänen,
in Namen und Adressen
erschöpft;

damit Restaurantbesuche
und Eissorten
nicht die einzigen Genüsse bleiben

und damit es Geheimnisse gibt,
die über Rezepte und Waschzettel
hinausgehen!

© Christian Engelken

die wege

die zeit macht einen satz
markiert die wege
mit brotkrumen und falschem licht
ich suchte mich auf
fand staub und wolken wandernde steine
bewegliche ziele
die sich immer neu erfinden

keine geschichte heißt es
geht jemals verloren
ich versuchte noch rasch
den großteil des sommers
in den schatten zu retten
bevor der abstieg begann
vom trümmerberg meiner erfahrung

aber einmal
als ich unter moosigen steinen
ein wort fand das mir
vor langer zeit schon entfallen war
kam ich dem glück ganz nah

© Jürgen Flenker

Kafkas Vermächtnis

Franz Kafka bestimmte
aus seinem Nachlass sei
alles
restlos und ungelesen
zu verbrennen

Sein Freund Max Brod
folgte dieser Weisung
nicht

So lesen wir
bis heute
Kafkas Werke
übersetzt in
unzählige Sprachen
interpretiert von
unzähligen Wissenschaftlern

Wüsste Kafka davon
würde er lachen oder
weinen über
unseren Irrwitz oder
eine wunderbare
Parabel schreiben

© Heidrun Flügel

Zögern

Mein Gedicht drückt leise
Die Klinke herunter
Schleicht sich
Durchs Zimmer
Tritt an mein Bett
Flüstert was Hitziges
Schlüpft unter die Decke
Und streift mir
Das Hemdchen ab
Es bedeckt mich
Mit Küssen
Lässt mich nicht locker
Dringt in mich ein
Ich könnt mich begeistern
Gewinne an Tempo
Beginn schon zu glühen
Verlass meine Umlaufbahn
Du
Schwankst noch
Im Dunkeln
Lehnst noch
Im Rahmen
Zupfst noch nervös
An deiner feuerroten Krawatte

© Evelyn Fomm

Septemberroad

Stimmen steigen herauf Gerüche
fettglänzend in Papier verpackt
eigentlich wie immer am Dienstag
der Fish & Chips-Mann mit dem
Wagen du schließt das Fenster
seltsam der Anschlag der Olivetti
Rhythmus gestört abgelebt die Zeit
sein Akzent italienisch dringt durch 
Glas und Gewünschtes zerklingt im
Dunst an der Theke die Münzen die
Jahre der Wind greift entschlossen
Blätter aus Stein

© Ingrid Glienke