Begegnung in Charlottenhof

im Spiel von Licht und Schatten alter Bäume
verlassen die Dichter im Hain ihre Stelen.
Sie reden und raunen:
Nimm die Krone des Baumes bei seiner Spitze,
den Efeu, der die alte Eiche umschlingt
bei seinem Grün,
die Uhr in der Küche bei ihrem Schlag,
die Dichter bei ihrem Wort,
erst recht die Mächtigen!
Nun sag, was du gefunden hast!

Hab’ aufgenommen manchen Faden,
hab’ ihn erprobt zum Weitersagen,
ihn fortgesponnen tage-, nächtelang,
reinste, ärgste Lebenslust.
Hab’ mich nicht dreingeschickt
und wage nun den Blick zurück.

© Lonny Neumann

Manchmal entflieh ich

Manchmal entflieh ich dem
Lärm der Welt und
steig zu den
Grabkammern der Koryphäen hinab
Ich lausche den Stimmen der Toten

Sie lachen mich aus
Ich streite mit ihnen und
frage sie nach dem Sinn des Lebens
Lies unsere Werke fordern sie mich auf

Ich trink ihren Sud
aus Himmel und Hölle
doch Antwort auf meine Fragen
finde ich nicht.

© Horst Oberbeil

Room of my own

A Room of One’s Own
(Virginia Woolf)

Matratzengruft   zu hoch
gegriffen ins literatenleben
ins fremde

rings an den wänden die
versammlug der bücher
sie hocken geduldig
auf ihren plätzen und warten
auf ansprache
antworten einige ansprechend
leiten daraus den anspruch:
komm ins offene   komm
ins gespräch mit dem einen
dem andern   dieses und jenes
wird sich dir öffnen   dir einblick gewähren
in seine seele   in seine landschaft
dich tragen   dir vorstellen
seine verwandtschaft

andere die du für freunde hieltest   drehn dir
den rücken   ziehen sich mählich
zurück in immer fernere fernen   ihre botschaft
verliert an präsenz   ihr weltbild
vermorscht   ihr himmel
bezieht sich   schwächer
erscheint der druck der früher
klar und in aller stärke
augenpulver gestreut auf wegen je länger
je schwerer begehbar
ihr licht verblaßt
die nebel steigen   die sicht
wird trüber   wolken ziehen dem auge
vorüber

nächster zeit
raum: es wartet ein neuer
anspruch   ein neues feld
tut sich auf für neue unwäg
barkeiten
dies und jenes kann sich dir öffnen
wird

© Irmhild Oberthür

Das Buch

Durch den Erwerb seines Buches erfuhr er eine unerhoffte
Aufwertung von Ruf und Ansehen, galt fortan als klug, einfühlsam und
weltoffen, dazu gutaussehend und charakterlich gefestigt.

Es währte nur Augenblicke, bis ihm
die unzähligen Vorteile des Buches lebhaft vor Augen traten:

Das Buch ist günstig im Verbrauch und bedarf keiner Wartung.
Das Buch eignet sich gleicherweise für Rechts- wie für Linkshänder.
Das Buch ist praktisch. Man kann es überall hin mitnehmen.
Das Buch ist eine Anschaffung fürs Leben.
Das Buch ist pflegeleicht und formschön im zeitlos klassischen Achtkant-Design.
Man muß das Buch nicht gießen und nicht füttern, im Urlaub bleibt es allein zuhaus.
Das Buch kostet keine monatliche Grundgebühr.
Es fallen keine Steuern, verbrauchsabhängigen Kosten oder Pflichtversicherungen an.
Das Buch macht keinen Lärm und verursacht keinen Abfall.
Man benötigt für ein Buch kein Zubehör.
Das Buch ist nicht anfällig für Viren und Trojaner.
Das Buch macht nicht dick.
Das Buch funkitioniert unabhängig von einem Stromnetz.
Das Buch hat kein Verfallsdatum.
Das Buch hält dem technischen Fortschritt stand und ist nicht nach drei
Monaten durch eine neue Version überholt.
Wenn man das Buch fertig gelesen hat, kann man von vorne anfangen. Ohne Aufpreis!

Die Anschaffung eines Zweitbuches ist bereits beschlossene Sache.

© Wolfgang Oppler