Die Dichterrolle

Zuweilen rollt der Dichter vorwärts
als gehe es einen Berg hinab
und legt eine Spur Buchstaben.

Zuweilen rollt der Dichter rückwärts
walzt seine Buchstaben platt
oder schiebt sie zu einem Haufen zusammen.

Zuweilen aber steht der Dichter kopf
rollt weder hin noch her
umringt von seinen Buchstaben

die starren ihn an und warten
dass er seiner Rolle gerecht wird.

© Maren Schönfeld

Auswärts erwachen

Die Berge könnten
uns den Himmel beschriften –
säßen sie nicht gedanken-
verloren im Hochnebel,
wären ihnen die Spitzen nicht
gebrochen im Morgendunst. Die Stadt
hebt langsam an, flügelschwer
noch von der Nachtkälte. Flaneure,
wir, buchstabieren uns
durch einen Schilderwald, gegenseitig
anvertraut. Berühren uns
schlafweich die Passanten, tragen
ihre Sprache fremd vorüber. Wortweise
bleiben uns Fetzen hängen
an gespitzten Schultern: Kettfäden,
Schussfäden – ein Text. Gewebe,
das uns einwickelt. Allmählich
lesbar: die Bergschrift.

© Christiane Schulz

Gelalle eines besoffenen Poeten in einem schlecht besuchten Wirtshaus

Dichter, dichtest du vom Dichten?
Und steigerst dich da voll hinein?
Weißt du, wenn ich nur dran denke,
ratz ich innerlich gleich ein.

Dichter, dichtest du vom Dichten?
Sag, stellst du dir nicht selbst ein Bein?
Heute mach ich mal Polemik.
Heute bin ich mal gemein. 

Dichter, dichtest du vom Dichten?
So richtig klug, so richtig fein?
Unsinn! Deine ‚Selbsterhellung’
wirft nur einen faden Schein.

Dichter, dichtest du vom Dichten?
Ersparst du uns denn keine Pein?
Sei doch weise, gib den Unfug
hübsch in einen Totenschrein.

Dichter, dichtest du vom Dichten?
Ein Missverständnis? Also nein?
Ach, Sie sind hier nur der Ober?
Ja, von mir aus, nochmal Wein!

© Andreas Schumacher