Berufsberatung

Heute war Berufsberatung.
Lieber Papi, hör mal her:
Alle diese Scheiß-Berufe
sind mir leider viel zu schwer.

Fotograf sein ist beschwerlich:
Lichtverhältnis, Blende, Blitz.
Ich brauch irgendeine Sache,
wo ich bloß zu Hause sitz.

Augenblicke konservieren,
einfach so, spontan, ad hoc?
Ich will später eine Arbeit,
wo ich bloß zu Hause hock.

Journalist sein ist ermüdend:
Leute treffen, Meinung, Schreibe.
Ich verlange eine Stellung,
wo ich bloß zu Hause bleibe.

Recherchieren, Formulieren,
wäre das mein Lebenssinn?
Ich erwäge jenes Handwerk,
wo ich bloß zu Hause bin.

Hundertfünfzig Angebote
machte der Berufsberater.
Ich erstrebe ein Gewerbe,
wo ich bloß zu Hause – Vater,

ich will gerne Dichter werden.
Hör verdammt noch einmal her:
Ich will nichts als Dichter werden,
weil ich dann zu Hause wär.

© Andreas Schumacher
Aus: »Herr der Möhren«,
Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 11

Weggefährten

Der alte Freund begrüßte ihn
und schwieg. Von ihm, so schwieg er,
sei wohl nichts mehr zu erwarten.

Auf Fragen, wo denn dieser
oder jener sei, erwiderte er so:
Anzüge, Mäntel dort im Schrank

die Hemden links im Schubfach
rechts die Socken. Und durch die Tür
durch die du kamst, kannst du auch wieder

gehen wir noch
ein Stück zusammen
muss sowieso in diese Richtung.

© Jürgen Drews
Aus: »Ein Kolibri schreibt nach Hause«,Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 10

Übermorgen

Wie bin ich Tausendschönchen
versunken in der Wiese
in Schaumkraut Dottersumpf

und Ackerwinde blau

um neunundzwanzig Wirbel.

Bärenklau brummt in der
Augenhöhle Schlaf

Mohn rötet die Schläfen.

Brustkorb luftiger Käfig

für goldige Löwenzähne.

Weiße Lampions gezündet
am Schlüsselbein und alle

Handwürzelchen wachsen.

Endlich viel Platz für Himmel

zwischen vierter und sechster Rippe.

Dicht an dicht Margeriten
im Becken und ohne Scham

Kälberkräuter sieben

Dolden um Schenkel und Fuß

Ketten aus gelben Blüten.

An der Kniescheibe Ampfer
Wiesenrispengras lispelt süß

und zittert in den Gleisen

von Waden und Schienbein.

Was für ein Ehrenpreis!

Wie schön ich bin
in hundert Jahren!

© Barbara Seeberg
Aus: »Gestern das Rot aus dem Kehlchen«,Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 9

Am Ende des Feiertags

gibt’s keinen Feierabend es wird wieder Zeit
hervorzuholen vorsorglich deinen Arbeitsplatz

aus der Versenkung aufzubauen leise lustlos

die altvertraute Spielzeugstadt deinen Kopf

schraub ihn fest auf den Körper damit er morgen
ausreichend seine Umwelt beleuchtet hol vom Balkon

die unsichtbaren Spruchbänder mit deinen Wünschen

leg sie zuoberst in den Korb mit der Schmutzwäsche

Erloschen all unsere Kontakte zur Umwelt
bis auf die paar die wir regulieren können

beliebig durch Knopfdruck was immer nun

mit uns geschieht muss entspringen in uns

für uns beide bleiben
nur wir selbst übrig

für dich und mich vielleicht

noch ich und du

© Andreas Wilhelm
Aus: »Einstieg in den Mittelpunkt«,
Poesie 21 bei Steinmeier, Bd. 7